Warum sind deutsche TV-Produktionen immer so schlecht?

deutschgut
Hat eigentlich noch jemand solche Bauchschmerzen beim Gucken deutscher Filmproduktionen fürs TV? Warum sind die eigentlich immer so schlecht?
Vielleicht ist ja „immer“ ein bisschen hochgegriffen, aber mit der typischen, deutschen TV-Produktion verbinde ich ein ganz besonderes Gefühl beim Zuschauen. Leider kein besonders gutes.

Es begenet mir immer wieder wenn ich eine deutsche Produktion schaue. Dieses unangenehme Bauchgefühl, von dem ich nicht weiß ob es Fremdschämen, Bedauern oder vielleicht sogar Wut ist. Aber irgendwie wirkt jeder Film so unecht, so gestelzt, ja so gekünstelt eben. Ich neige den Blickwinkel mal in diese, mal in jene Richtung. Es mag nicht so recht passen, irgendwie. Das Gefühl hab ich bei solchen Produktionen ganz oft. Grundsätzlich ist ja gar nichts verkehrt. Die Schauspieler geben sich auch alle Mühe. Aber dennoch: Das bleibt hartnäckig da, dieses Gefühl. Irgendwie kaufe ich den Protagonisten keine Sekunde lang wirklich ab, dass sie gerade auf natürliche Weise auf ihre natürliche Umgebung reagieren und sich so eine natürliche Handlung entwickelt.

Es gibt doch zig Instanzen, durch die so ein Film durch muss, bevor er auch nur in irgendeiner Weise angegangen wird. Da müsste doch eigentlich zumindest etwas an Qualität sichergestellt werden? Geld ist ja auch genug da. Rundfunkbeiträge und Förderfonds machen’s möglich auch die abstrusesten Problem- und Kunstfilmchen zu verwirklichen. Das ist gut, aber das ist auch schlecht. Ich denke jetzt primär an Produktionen der öffentlich-rechtlichen. In den letzten ~10-15 Jahren haben sich zu meiner Freude auch geschichtliche Themen etabliert. Eigentlich eine coole Sache. Oft hab ich auf die japanischen Taiga-Dorama geschaut, die Stoffe aus der japanischen Geschichte in aufwendigen TV-Serien nacherzählen, und mich gefragt, wieso es bei uns eigentlich nicht auch sowas gibt. Na und jetzt gibt es das ja auch hier immer mal wieder. So gab es mal einen Film über den hamburger Piraten Klaus Stoertebeker etwa, oder einen Film über das Leben des jungen Schillers. Zuletzt hab ich einen Film aus einer richtig hübsch ausgestatteten FilmREIHE (sogar das gibt es mittlerweile) zur deutschen Geschichte zwischen ~1860 und ~1936 gesehen.  Ausstattung, Kostüme, Ideen, Schauspieler. Alles ist da. Aber irgendwas fehlt trotzdem.

Vielleicht sind es ja doch die schlecht geschriebenen Bücher. Klaus Stoertebeker lernt bei einem Mönch als junger Drops so eine Art Kung-Fu. Wirkt einerseits albern, andererseits unnatürlich. Beim Film über den Kapp-Putsch, den ich neulich sah, gibt es eigentlich gar keine Handlung. Der ganze Film ist ein einziges, wohl vorgetragenes Gespräch von einer Rolle zur anderen Rolle, angesetzt in verschiedenen Räumen. Manchmal laufen die Leute auch während sie reden, aber viel mehr passiert nicht. Es passiert nichts, es wird nur geredet. Wie im Theater. Mal wird in eiem Gerichtssaal gesprochen. Dann wird in einem Büro diktiert. Dann in einem anderen von jemand anderem. Dann sitzen Offiziere an einem Tisch und reden miteinander über ihre Pläne. Plötzlich sitzen die Offiziere mit Politikern an einem anderen Tisch in einem anderen Büro und halten ein anderes Gespräch. CUT zu den Künstlern im Club, die sich unterhalten und Champagner bestellen weil es ihnen in dieser schlechten Zeit für Deutschland schlecht geht. Es sind natürlich so viele historische Persönlichkeiten wie möglich miteingebettet (lies: hereingepresst) worden wie möglich. Sie sind entweder eindimensional widerlich oder eindimensional freigeistig weil sie im kecken, freien Geist der Jugend ihrer Zeit kess voraus sind. George Grosz darf als gewitzter, champagner- und whiskeysüffelnder Freigeist nicht fehlen um dem Zuschauer zu sagen, was er von den Widerlingen halten soll. Und sogar John Heartfield kriegt noch gewaltsam einen Auftritt im Film und darf sich Whiskey bestellen während er sich über die Schlechtheit der Zeit auskotzt. Vielleicht möchte ja der BR so einem Bildungsauftrag nachkommen? John Heartfield? Ach, das war ja der, der mit em anderen Künstler da immer in der Bar getrunken hat während der Kapp-Putsch war! Bester Künstler ever. Oder es soll versucht werden, eine gewisse Menschlichkeit und Gefühlsregung in das ansonsten wie mit dem Lineal gezogene Filmstück zu bringen. Oder man versucht auf unaufdringliche dem Zuschauer eine Art Gefühl für die Epoche zu geben. In jedem Fall ist der Versuch missglückt, denn die Natürlichkeit fehlt und es wirkt einfach aufgesetzt und künstlich. Und das sind dann auch schon die beiden größten Übel, an denen solche Filme meiner Meinung nach hauptsächlich kränkeln.

Es entwickelt sich ein unheilvolles Wechselspiel zwischen den Schauspielern, die ihre Rollen wenig natürlich rüberbringen und dem Skript, dass es ihnen womöglich sogar sowieso von vornherein kaum ermöglicht die Figuren natürlicher zu spielen.
Tadellos sprechen sie alle ihre Texte in perfektem Bühnenhochdeutsch. Da gibt es keine Ecken und keine Kanten. Diese Leute haben ihr Handwerk an der Schauspielschule zweifelsohne gut und mit kulturellem Mehrwert gelernt und perfektioniert.

Aber manchmal denke ich, es liegt vielleicht doch gerade da der Hund begraben. Ich habe den Eindruck, dass man in Deutschland bei den ÖR bei solchen Produktionen sehr, sehr viel Wert auf einen kulturellen Mehrwert legen möchte. Ich habe immer den Eindruck, dass Fernsehen und Theater in dieser Ecke des Fernsehens traditionell eng verwoben sind und dass man auch das Interesse hat es möglichst so zu lassen. Denn, so stelle ich mir das Denken der Verantwortlichen vor, Theater ist kulturell wertvoll – Fernsehen nicht. Wenn man also möglichst viel Theater reinbringt kann man ja das Fernsehen und das Format an sich kulturell aufwerten und gleichzeitig vielleicht die Leute dazu ermuntern mal wieder ins Theater zu gehen. Es ist ein kulturelles Mehrgewicht, dass Filme wie diese mit sich herumschleppen wie einen großen, unnatürlichen Buckel auf dem Rücken.

Das Problem ist eben: Diese Art des Schauspielerns funktioniert im Fernsehen nicht besonders gut. Ganz im Gegenteil: Es verstärkt den Eindruck des Unechten und baut – zumindest bei mir – eine Art emotionale Barriere auf. Als Zuschauer fühle ich mich nicht in die Handlung hineingezogen, sondern sitze brav mit dem Programmheft und meinem Operettenglas davor und schaue unbeteiligt, was sich die Damen und Herren auf der Bühne so ausgedacht haben. Ich bleibe teilnahmslos, passiv, unberührt. In gewisser Weise wie die Schauspieler im Film also. Ich mache im öffentlichen Kulturbetrieb das was von mir erwartet wird und sie tun das, was von ihnen erwartet wird. Sie tragen brav und kulturell wertvoll vor, ich sitze brav davor und höre kulturell interessiert zu. Ab und an schau ich auf die Uhr um zu sehen wie lange es noch bis zur Pause hin ist.

Immerhin kann man den Filmen zugute halten, dass sie entgegen der revolutionären modernen Theater, noch echte Kulissen verwenden und richtige Kostüme benutzen. Ich bin gespannt ob sie das eines Tages auch mal über Bord werfen werden. Aber jeder Theaterabend und jeder Film neigt sich früher oder später auch mal seinem Ende zu. Bin ich nicht eingeschlafen, dann erhebe ich mich dankbar wie nach einer Sonntagsmesse aus meiner Sitzstarre. Applaudieren muss ich nicht, den Fernseher interessiert das zum Glück nicht. Aber das Gefühl ist vergleichbar mit dem Abschluss eines kulturell wertvollen Besuchs im Theater: Fabelhaft! Wieder ein Stück überstanden! Nur dass ich mir dabei nun wirklich nicht einreden kann ich hätte was kulturell anreicherndes in mich aufgenommen. Dafür überzeugen die Filme zu wenig.

Wer jetzt glaubt: Na, das können aber die Privatsender besser, der hat sich ebenfalls getäuscht. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

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2 Antworten zu Warum sind deutsche TV-Produktionen immer so schlecht?

  1. INCINERATOR schreibt:

    Finde Du hast absolut recht, mir machen deutsche Produktionen in den allermeisten Fällen auch keinen Spaß und die Ausnahmen bestätigen da eher die Regel – leider auch bei historischen Themen. Auch mich können die Darsteller aufgrund der zu dick aufgetragenen Rollenverkörperung nie wirklich in den Bann ziehen und man fühlt sich, als schaut man Rosamunde Pilcher nur in historischem Kontext.

    Der Rest der Filme ist dann nochmal schlimmer, entweder wird ein ländliches Unternehmen/Bauernhof von einem großen Unternehmen – durch einen snobbistischen Hauptdarsteller personifiziert – bedroht, der sich dann letztendlich in die Frau vom Land verliebt, oder es geht um abstruse bodyswitch-Stories oder ähnlich hanebüchener Scheiß. Nur auf SAT 1 mit Veronica Ferres, Heino Ferch, Reiner Lauterbach und Christine Neubauer. Würg!

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  2. Frauke schreibt:

    Genau das ist mein Gefühl bei deutschen Filmen auch: Ich denke immer: Die schauspielen nur. Irgenwas machen die bei der Ausbildung in GB und USA anders. Die Schauspieler von dort „spielen“ nicht mehr, sie „sind“. Und ja, mit dem gestelzten hochdeutsch hat das auch zu tun.

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