Robocop auf russisch

Wat, Fischkopp? Die Geschichte von Robocop ist geprägt von tragischen Missverständnissen.

Wat, Fischkopp? Die Geschichte von Robocop ist geprägt von tragischen Missverständnissen.

Das sowjetische Kino ist bekannt für seinen bahnbrechenden Visionärsgeist und die ausdrucksstarke Bissigkeit im Kommentar auf soziale Missverhältnisse. So ist auch Robocop, ein kleiner russischer Film aus der Ära Jelzin, keine Ausnahme und belohnt den Zuschauer mit einer zutiefst sarkastischen Abrechnung mit der Gesellschaft und mit jeder Menge Russenaction. Auch bei der knallharten Hartkernaction von Robocop nehmen die Macher keine Rücksicht auf Verluste. Unter Kennern des russischen Films wird Robocop auch deshalb als einer der stärksten Vertreter der Postperestrojka gehandelt. Der Film hat unter Kennern sogar so viel Eindruck hinterlassen, dass die Amerikaner sich genötigt sahen, vor kurzem eine eigene (amerikanisierte) Fassung auf den Markt zu bringen, die jedoch die Klasse des russischen Originals nicht erreicht. Schauen wir uns dieses russische Action-Epos genauer an!

Der Film spielt in der russischen Provinz in einer typisch russischen Industriestadt mit dem Namen Dzjetrojt, die sich im Oblast Mytschigan, etwa 500 km von Moskau befindet. Einst eine Hochburg der Schwerindustrie, ist das Stadtbild nach dem Zerfall des Ostblocks vom zerbröckelnden sozialistischen Progressivismus in Architektur, Geist und Gesellschaft geprägt.  In das ideologisch-moralische Vakuum dieser neuen Zeit stoßen vor allem egomanische und raffgierige Oligarchen, die sich auf Kosten der Bevölkerung an den industriellen Gütern bereichern und bald ein kapitalistisches Knechtschaftsmonopol aufgebaut haben. Der Staat hingegen fällt in die Bodenlosigkeit der Ohnmacht. Selbst die örtliche Miliz wird von einem Konzern betrieben und nicht mehr vom Staat, sondern von Oligarchen gesteuert. Für die Bürger dieser neuen Gesellschaft gestaltet sich der nunmehr konsumorientierte Lebensalltag entfremdet und sinnlos. Den traditionellen sozialistischen Werten beraubt und oftmals ohne Arbeit, greift der Huliganismus um sich. Die Kriminalitätsrate steigt ins unermessliche und die Leute machen ihrem entmenschten Dasein in der Klassenlosigkeit einer sinnentleerten Existenz durch Gewalt Luft.

Kurzum: Amerikanische Zustände in russischer Provinz.

Aleksej Mjorfi, gespielt von Pjotr Iljitsch Walischkin

Die Hoffnung stirbt doch stets zuletzt und, wie wir alle wissen, ist die größte Hoffnung jedes Landes seine Jugend. So gibt es auch selbst im kleinen Dzjetrojt, fernab der stolzen Hauptstadt Russlands, noch Menschen, die bereit sind für die vaterländischen Ideale und das Wohle der Gesellschaft zu arbeiten. Menschen wie der junge Aleksej Mjorfi. Leider stirbt aber Aleksej sehr bald an seinem ersten Arbeitstag bei der Miliz. Damit könnte der Film schon zu Ende sein. Doch in einem radikalen Twist geht es weiter. Oft ist der Zufall der beste Lehrmeister und so kommt es, dass die Kraft, die Böses will auch Gutes schafft. Denn in der Konzernspitze wollen die technokratischen Schoßhunde des Oberoligarchen sich gegenseitig ausstechen und so setzt sich schließlich ein unmoralisches Projekt durch, das vorsieht einen neuartigen Polizistencyborg zu schaffen – halb Mensch, halb Maschine. Obschon tot, wird unser Held Aleksej so durch ein Wunder der Technik am dritten Tage auferweckt, mit der durch Forschung und Fortschritt gegebenen Kraft hinwegzunehmen die Laster der Kriminalität und allen Menschen zu helfen. Die Anspielungen und die Motivik sind hier natürlich kaum zu übersehen und es ist eigentlich jedem klar, dass sich Regisseur Pawel Wertotschkin auf das leninistische Ideal vom neuen Menschen zurückbezogen hat – Für Kenner liegen auch Vergleiche zur zu Sowjetzeiten beliebten ostdeutschen Serie „der großartige Steiner“ nah, die ebenfalls die Thematik „neuer Mensch“/“Sowjetmensch“ aufgegriffen hat.

Als „neuer Mensch“ in Form des Robocop wiedergeboren, kämpft Aleksej für eine bessere Zukunft.

Geprägt von den schlechten Erfahrungen der problembelasteten Ära Jelzin, zeichnet Regisseur Pawel Wertotschkin eine düstere Dystopie von einer entmenschten Gesellschaft des Huliganismus und der Oberflächlichkeit, in der Oligarchen wie Großgrundbesitzer über Recht und Gesetz stehen und Konzerne durch weitreichende Privatisierungen den bankrotten Staat vollständig (z)ersetzt haben. Wo die Werte von Wirtschaftlichkeit und Profit die Würde des Menschen, den Anstand und die Gerechtigkeit ersetzt haben.

Gleichzeitig ermahnt uns jedoch dieser düstere Film zum beherzten Kampf für menschliche Werte und eine lebenswerte und solidarische Gesellschaft, in der nicht Wirtschaftlichkeit, Profit und Effizienz im Vordergrund stehen, sondern der Mensch als Individuum. Robocop aus Russland ermahnt uns dazu nicht zu vergessen, wer wir wirklich sind. Auch in einer immer rasanter werdenden technologisierten Welt muss letztenendes der Mensch im Vordergrund stehen wenn eine Gesellschaft funktionieren soll. Mit dem Ende der 90er haben sich auch in Russland die Dinge zum Glück wieder zum Besseren gewendet und die Schreckensjahre sind für die Menschen größtenteils vorbei. Mit ausdrucksstarken Filmen wie Robocop als Mene Tekel, können wir hingegen froh sein, dass die Konzerne stets durch das wachsame Auge der Politik und Verbraucherschützer sowie durch stringente und vernünftige Gesetze gezwungen werden, sich dem Menschen unterzuordnen und ihm zu dienen und dass der Staat auch weiterhin ein Monopol in allen wichtigen infrastrukturellen Bereichen aufrechterhält.

Beide Daumen hoch für Robocop – den russischen Terminator. Ein Muss für alle Fans des russischen Actionkinos.

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