Das Ende der russischen Souffleursynchros?

Lenin zeigt in die Zukunft und er deutet eine kleine Kulturrevolution an: „Noch sind unsere Synchros schlecht. Aber ich verspreche euch, Genossen, dass wir in der Zukunft auch gute Synchros haben werden“

Für und gegen Synchronisationen kann man Vieles sagen: Einerseits sind Synchros vor allem erstmal ne tolle Sache für alle, die den Film sonst nicht verstehen würden. Es ist die natürlichste Art um Sprachbarrieren aus dem Weg zu räumen. Für manche Leute (mich zum Beispiel!) sind solche Synchros auch eine tolle Möglichkeit ihr Hörverständnis von Fremdsprachen zu üben. Andererseits können schlechte Synchros viel Atmosphäre und Eigenheiten eines Filmes zerstören – und nicht alles kann synchronisiert werden – Dialekte und Soziolekte etwa. Oder denken wir nur an den immensen Verlust von Charme bei der Übersetzung von Quentin Tarrantinos „Inglorious Basterds“…
Neben der vergleichsweise aufwendigen, deutschen Einstellung alles immer komplett zu synchronisieren und der weit verbreiteten und wesentlich günstigeren Haltung alles außer Kindersendungen zu untertiteln, nimmt die russische Form der Synchronisierung von Filmen eine Art  Sonderstellung ein.

Bei uns dürften die klassisch-russischen Souffleursynchros für die meisten Leute ein Grausen sein. Statt einer „richtigen“ Synchro, sitzt bei solchen Synchros virtuell eine Art Souffleur* oder Dolmetscher unsichtbar im Film und übersetzt alles.  Ну, всё логично тогда – alles logisch soweit oder? Wie in echten Gesprächen mit Fremdsprachen eben.
Für die meisten von uns wirkt das aber oft eher faul und unpassend, gerade wenn ein einzelner Mann scheinbar ohne Emotion alle Rollen spricht und das über den deutlich zu hörenden Originalton einfach nur auf russisch drüberlabert.
Wisst ihr, was ich meine? Beispiele gefällig?


Mich hat das lange Zeit davon abgehalten überhaupt Filme auf russisch zu schauen zu versuchen, weil es mich komplett irritiert. Hat man den Initialschock überwunden, ist es schwierig sich auf eine der beiden Tonspuren zu konzentrieren. Oft geht einem einfach beides durcheinander.

Was ich vorher nie glauben wollte, konnt ich dann aber bald selbst feststellen, als ich Robocop quasi zweisprachig souffliert geschaut habe: So ganz doof ist diese Art der Synchro gar nicht. In der Regel gibt es ja sogar mehrere Sprecher (zumindest für Männer und Frauen) und oft wird auch ein wenig Emotion reingelegt, damit es nicht so lieblos wirkt – zu sehen etwa oben am Beispiel mit Alex und seinen Drugs. Für mich als jemand, der sein Russisch verbessern möchte, hat das aber noch einen anderen Vorteil: Dadurch, dass man den O-Ton fast gleichlaut durchhört, bin ich im Zweifelsfall immer in der Lage zu verstehen was gemeint war – wenn ich mich dann nämlich einfach auf den O-Ton konzentriere. Gleichzeitig kann ich mir so Formulierungen gut merken wenn ich zurückspule und nochmal auf das Russische achte stattdessen. Bei Robocop war das, neben einer scheinbaren Erkenntnis wie austauschbar USA und Russland manchmal sind, ein durchaus willkommener Nebeneffekt.

Lernt man dadurch besser? Nein. Dann wären die Russen ja im Englischen durchschnittlich genau so gut wie die Skandinavier. Aber es ist eine nette Ergänzung wenn man lernen will. Man kann es quasi frei Haus noch zusätzlich nutzen. Es ist einfach eine sehr nüchterne und in gewisser Weise wissenschaftliche Herangehensweise an Synchronisationen. Oder einfach nur so billig wie möglich 😉

Alles wird anders: Der Hobbit ist auch auf russisch komplett aufwendig mit richtigen Schauspielern synchronisiert worden.

Mittlerweile scheint aber auch im Osten der Trend in Richtung aufwendige Synchros zu gehen. Was ich als eigentlich typische russische Synchros kenne, scheint mehr typisch 90er gewesen zu sein – und wird heute scheinbar mitunter als kultiger Nostalgieflash gefeiert. Aktuelle Kinofilme scheinen allesamt komplett synchronisiert zu werden, wie bei uns. Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal beim Hobbit, aber auch alte Serien (He-Man z.B.) oder Filme (Zurück in die Zukunft, Krieg der Sterne) haben mittlerweile eine „richtige“ russische Synchro bekommen. Ist das Zeitalter der klassischen Souffleursynchros also vorbei und beendet? Im Moment weiß ich dazu nur relativ wenig, aber mir scheint, die Tage der Souffleure sind größtenteils vorbei.

Für mich bietet es wieder Vor- und Nachteile. Zum Einen ist es natürlich ungleich cooler, wenn die Atmosphäre des Films nicht durch einen Souffleur unterbrochen wird. Zum Anderen ist der Vergleich von Floskeln und Sätzen jetzt natürlich weniger einfach. Wenn ich jetzt etwas nicht verstehe… tja, dann versteh ich es eben nicht. Mit dem Wegfall des O-Tons verliere ich hier auch ein Netz, das mich vorher aufgefangen hat wenn meine Sprachkenntnisse versagt haben.  Soll man nun froh oder traurig sein wenn es wirklich keine Souffleursynchros mehr gibt? Ich für meinen Teil sehe es mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Im Großen und Ganzen bin ich aber trotz der fehlenden Sicherheit wirklich froh darüber, dass es jetzt richtig coole aufwendige Synchros auch auf russisch gibt. Dass es einfach nur verdammt cool ist, lässt sich angesichts solcher Proben glaube ich kaum leugnen:


*: Ein Souffleur ist eine für das Publikum unsichtbare Person im Theater, der Schauspielern ihren Text vorflüstert, wenn sie ihn vergessen. Von Frz. Souffleur = Flüsterer.
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2 Antworten zu Das Ende der russischen Souffleursynchros?

  1. Diana Wolf schreibt:

    Hände weg von meinem Lieblingszeichentrick mit meiner Lieblingssynchro 😛

    Gefällt 1 Person

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