Warum neuer nicht immer besser ist

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Überlegungen und Beobachtungen anhand der Shin Kyôto Hen (Rurouni Kenshin).

Seit einigen Jahren ist das Neuauflegen alter Hits in Hollywood einigermaßen normal. Ob Conan, Turtles, Terminator, Star Trek, Robocop oder Total Recall. Neuauflagen scheinen in den Denkfabriken hoch im Kurs zu stehen. Oft zum Leidwesen der Fans.

Auch in Japan kenne ich mit den Berserkfilmen und Rurouni Kenshin: Shin Kyoto Hen nun zwei Neuauflagen beliebter alter Stoffe. Letztenendes beweisen beide, dass sogar für Anime „neuer“ nicht unbedingt „besser“ bedeutet.

Genau genommen gibt es mit der neuen Evangelionserie sogar noch ein drittes Beispiel für einen neuaufgelegten Stoff aus den 90ern. Mit NGE bin ich aber nicht firm und da ich das nicht geschaut habe, überlasse ich das Urteil in diesem Fall lieber all jenen Jüngern, die in jedem Kreuzerl den genialischen Symbolismus des Hideaki Anno aufblitzen sehen können. Ich beschränke mich hier freilich auf den wandernden Samurai Himura „Battôsai“ Kenshin und die Neuauflage seiner alten Abenteuer.

Rurouni Kenshin hieß die ursprüngliche Serie, die zwischen 1995 und 1998 in 95 Folgen ausgestrahlt wurde und sowohl einen Film, wie auch einige OVAs mit sich zog. Die Serie behandelt die Abenteuer eines reuigen Samurai, der sein Morden während der Bakumatsu-Revolution nun in der neuen Meiji-zeit durch gute Taten sühnen will. Wir befinden uns also um das Jahr 1878, das ist zehn Jahre nach der Zeitenwende Japans vom Feudalstaat zum aufstrebenden National- und Industriestaat. Kernstück und Höhepunkt der Handlung bildet hierbei eine Geschichte, die sich vor allem um Kyoto dreht ( d.i. jap. 京都編 kyôto hen) und zwischen ~Folge 28 und 62 behandelt wird. Genau dieses Kernstück wurde vor einigen Jahren mit moderner Digimation neu aufgelegt und bekam dementsprechend den Zusatz „shin“ – also „neu“. Veröffentlicht wurde es als OVA im Format 2×45 Minuten – was eigentlich viel zu kurz ist und eine große Raffung der Ereignisse zur Folge hat. Wie mit so vielen Neuauflagen, ist es auch hier echt interessant zu sehen, wie ein bekannter Stoff eine neue Dynamik erhält, indem er neu und anders erzählt wird.

Zeitlupe contra Zeitraffer. Oder: Wie man 5 Stunden auf 45 Minuten runterbricht

Auf die Pose, fertig, los! So 90er ist das Original

Auf die Pose, fertig los! So 90er ist das Original

In der Originalserie wurde der Stoff teils spendabel gestreckt oder gedehnt um die Laufzeit zu füllen. Insgesamt umfasste dieser Teil der Serie ja etwa 34 Folgen à 20 Minuten, inklusive „Monster der Woche“. Jeder Teil der OVA müsste also dementsprechend 17 Folgen oder etwa 5-6 Stunden an Handlung abdecken. Die einzelnen Teile der OVA sind aber nur je 45 Minuten lang. Es ist klar, dass da natürlich viel gerafft werden muss und dass es nicht ohne Folgen für die Beziehungen und Gestaltungstiefen der Charaktere bleibt. Shin Kyôto Hen steht stark unter Zeitdruck. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass beim Gucken ein nervöser Programmdirektor mit riesigen Angstschweißperlen neben mir steht, die ganze Zeit panisch auf die Uhr schaut und in der Luft herumkurbelt. Ganz so als wolle er sagen: „Schneller! Wir haben doch keine Zeit!“

Einzelne Plotpunkte ergeben jetzt kaum noch Sinn, weil Charaktere auf einmal scheinbar ohne irgendein Wissen über irgendetwas komplett instinktiv auf irgendeine Weise handeln, die sich so erstmal nicht als situativ sinnvoll erschließen lässt. Kennt man die Originalhandlung bzw die Originalserie, dann hilft das um einige Lücken zu füllen, aber andererseits wurde großzügig angepasst und umgeschrieben um die Dinge zu beschleunigen. Ich will jetzt nicht sagen, dass Shin Kyôto Hen schwer zu kapieren sei, beileibe nicht! Aber es geht halt viel an Witz und Charakterentwicklung verloren, was sonst viel zum Charme beigetragen hätte. Überhaupt fühlt sichalles recht lieblos und schnell abgespult an. 45 Minuten sind wirklich extrem wenig Zeit und ich glaube dass es der OVA sehr gut getan hätte wenn sie 2×90 Minuten lang gewesen wäre. Übrigens spielt die OVA nicht aus Sicht von Makimachi Misao, wie man oft liest. Es trifft sicher vor allem für den ersten Teil zu, aber für den zweiten so gut wie gar nicht.

 

Brilliant im Kampf: Stärken und Schwächen der Digimation
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Am beeindruckendsten und auffälligsten ist bei Shin Kyôto Hen natürlich der stark verbesserte Zeichenstil. Kristallklar sind die Konturen und (fast) vorbei sind die Zeiten der Standbilder und der ungeschickten Expositionsdialoge in Kämpfen. „Oh! Er hat das Beißen des himmlischen Stahlschwerts des Donnerdrachens mit der 7-Punkte Herzschrittmacher-Wirbelsturm-Attacke seiner Hiten Mitsurugi-Schule abgewehrt! Sieh mal! Es hat ihm alle Kräfte geraubt. Jetzt steht er ja VÖLLIG WEHRLOS DA! Der nächste Schlag wird entscheiden wer gewinnt“ oder ähnliches wurde gefühlt stark zurückgefahren im Vergleich zur Serie. Unter anderem im Kampf Hiten Mitsurugi Ryû vs Tenken (spoiler) wird das sehr deutlich.

Wo früher eine Technik eben durch starke Standbilder und Kanji und Blitze „gezeigt“ und dann durch Nebenstehende dem Zuschauer hin erklärt wurden, da gibts jetzt bei Shin Kyôto Hen die pure Technik in – naja – „voller“ Animation zu sehen. Wow!  So sieht also ein Zeroshiki-Gatotsu wirklich aus! Stark! Ein Schwert zerbricht, Beine bluten. Im Original hätte das jetzt jemand noch mindestens erschrocken ausgerufen und nochmal erklärt (haben das jetzt alle verstanden?). Ironischerweise saugt diese neue Unmittelbarkeit und Direktheit aber auch viel von der Dramatik aus dem Schwertkampf. Ein Einblick in einen anderen, „langen“  Kampf aus der Neufassung ist hier zu sehen. Obacht: Spoiler möglich. Im Original (bsp. Serie: Hajime Saito vs. Kenshin) wurde viel Spannung und Atmospähre in diesen Schwertkämpfen aufgebaut, die sicher auch von den technologisch-budgetären Beschränkungen mitlebte. Besonders harte Attacken wurden in der damaligen Zeit durch Zeitlupeneffekte und symbolische Blitz- und Kreiseffekte eher zum Ausdruck gebracht als wirklich dargestellt. Diese Verlangsamung der Zeit und die Verdeutlichung der Attacken und Stärken fehlt jetzt, so dass einige Kämpfe sprichwörtlich mit 1-2 Hieben ganz schnell vorbei sind und einiges an Intensität verloren geht. Das ist zwar eigentlich auch realistisch so, ist dem Charme aber ein wenig abträglich, da der Film ja ohnehin schon so gerafft wirkt. Shin Kyôto Hen hat nicht die Zeit, die nötig wäre um hier mehr Seele und Charme zu injizieren.

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Man beachte an dieser Stelle die unglaublich detailierte Umgebung. Die Hintergründe sind in Shin Kyôto Hen wirklich der Hammer.

Aber apropos Charme: Dieser wird ja oft auch von der Musik getragen, die hier aber auffällig unauffällig ist. Sehr erfreulich ist hier zwar, dass bis auf einen Schauspieler quasi der gesamte Originalcast aus den 90ern mit von der Partie ist, aber die Musik wird sehr sparsam dosiert. Man beachte mal den oben zitierten Kampf gegen das Tenken noch einmal. Der ist völlig ohne Musik. Im Original wär das undenbkar gewesen.  Das Fehlen der Musik auf diese Weise ist irgendwie außergewöhnlich, wirkt aber irgendwie unfertig.

 

Das Beste zum Schluss

Richtig gut getan hat der Neuauflage meiner Meinung nach die Verlegung der Geschichte von der Festung in den Bergen in die Nacht des Infernos. Ich möchte an dieser Stelle ja niemandem etwas spoilern, aber ich sage mal so viel: Es wirkt so viel natürlicher, flüssiger und logischer, dass sich das große Finale und der Kampf dort abspielen, wo sie jetzt in der Neuauflage stattfinden. Das ist aber gleichzeitig auch der einzige definitive Vorteil, den ich hier gegenüber dem Original sehe.
Ich hatte mir im Vorfeld die Serie noch einmal angeschaut und mir wurde ja ganz warm ums Herz vor lauter Nostalgie und den ganzen kleinen Witzen die immer wieder eingebaut waren. Auch wenn ich mir jetzt Kämpfe anschaue, würde ich definitiv die Serie dieser OVA vorziehen. Durch den Einsatz von Musik und teilweise auch durch den Dialog kommt einfach viel mehr Atmosphäre und Spannung im Original auf. Da bevorzuge ich eiskalt die Standbilder und Abstraktionen, die ich mir selbst ausmalen kann. Denn so toll find ich Digimation dann auch nicht. Die Witze hat man auch vor allem in Teil 1 der OVA unterbringen wollen – daher wohl auch der Fokus auf Misao. Nur recht gelingen will es freilich nicht. Die Raffung ist zu groß und es mag einfach keine rechte Stimmung aufkommen.

Fazit

Warum neuer nicht besser ist: Weil der Charme verloren geht. Rurouni Kenshin: Shin Kyôto Hen ist Kenshin für Menschen ohne Zeit, weil Shin Kyôto Hen selbst keine Zeit hat. Wer sich zwischen zwei Meetings und Briefings nochmal schnell auf den aktuellen Stand bringen möchte um bei Kenshi mitzureden, der guckt Shin Kyôto Hen.

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